Was bringt das Haus Naeschke dazu, immer wieder neue Herausforderungen zu suchen. Die Physik in ihren Grenzbereichen auszuloten, und als harmonischen Gegenstand umzusetzen, ist fraglos eine große, schöne Aufgabe. Die Faszination der Mechanik beginnt eigentlich erst so richtig in ihren Grenzbereichen. Es geht gewöhnlich um Grenzbereiche der Stabilität, der sowohl größten als auch kleinsten Kräfte, der Miniaturisierung oder größter und kleinster Geschwindigkeiten. In diese Bereiche vorzustoßen, war für Uhrmacher schon immer eine Herausforderung. Typischer Fall war schon vor 150 Jahren ein Jahresläufer, also eine Präzisionsuhr, die 1 Jahr läuft.
Eine noch nie verwirklichte Herausforderung war jedoch eine 4-Jahresuhr. Weit weg vom simplen Nutzeffekt ist diese Uhr eine Lebensäußerung unserer Zeit, die weiter wirkt. Diese Uhr braucht wenig Zuwendung. Sie wird den Besitzer täglich zu Gedanken über sich und die Zeit bewegen. 4 Jahre bewußt gelebt, sind eine sehr lange Zeit; 4 Jahre im Weltgeschehen sind winzig – eben nur ein Aufzug dieser Uhr!
Die Entwicklung dieser 4-Jahresuhr basiert auf der Erfahrung von immerhin 75 im Hause Naeschke gebauten 1-Jahresuhren. Es wurde eine extrem unempfndliche, dauerhafte Uhr gebaut. Es entstand eine bemerkenswert schöne, vollkommen harmonisch aufgebaute Uhr. Vergleichbares gab und gibt es nicht!
Das Gehäuse ist sehr stabil und verwindungssteiff, um die großen Kräfte und Gewichte aufzufangen. Es wurde aus Kirschbaumholz gefertigt, dunkel gebeizt, und wirkt trotzdem sehr fligran. Silberstreifen umgeben die 3 Facettengläser. Durch 9maliges Lackieren entsteht der vornehme Glanz dieses Gehäuses. Es wirkt zeitlos trotz leichter Anklänge an die Empire-Zeit Mit zwei Stellschrauben oben und am Fuß läßt sich die Uhr perfekt zwischen Wand und Boden justieren. Der von Hand gravierte 1,5 mm starke Sterlingsilber-Ziffernring erlaubt den völlig freien Blick durch das symmetrisch aufgebaute Werk.
Zwischen 6 mm starken Platinen laufen hier in Rubinen oder Kugellagern gelagert immerhin 7 Räder. Zwei unabhängige Antriebs- und Beisatzräder übertragen ihre Drehmomente an ein gemeinsames 3. Beisatzrad. Dieser im Hause Naeschke erdachte Aufbau erlaubt selbst beim Antrieb normale Räder und Verzahnungen. Die Kraft halbiert sich! Das ist der Basisgedanke der 4-Jahresuhr.
Höchste Uhrmacherei bedeutet neben einem Optimum von Regler und Hemmung auch eine den jeweiligen Anforderungen entsprechend gestaltete und feinst gefertigte Verzahnung. Zahnkopfform der Räder und Zahnfußfanke der Triebe wurden so optimiert, daß stoßenden Reibung beim Eingriff praktisch vermieden wurde. Als Hemmung fungiert wieder die bewährte Drops-Hemmung mit runden Rubinpaletten. Hier arbeitet eine ebene Fläche beim Zahn und eine gewölbte Hebungsfäche bei der kreisrunden Rubinpalette zusammen. Bedingt durch die Kapilarwirkung und dem wesentlich geringeren Druck sitzt das Öl immer genau dort, wo es auch hingehört.
Das Gangrad hat mit 120 Zähnen einen Durchmesser von 95,2 mm. Die Gangräder werden durch das Ausdrehen auf weniger als 0,02 mm Rundlauf gebracht. Der Flachlauf liegt bei weniger als 0,05 mm. Es dreht sich in 4 Minuten einmal. Auf dem Reif des Gangrades befndet sich eine fein gravierte Einteilung, die das sekundengenaue Einstellen und Ablesen der Uhr erleichtert.
Die Präzision der handwerklichen Fertigung wird bei dieser Uhr auch dadurch auf die Spitze getrieben, daß jedes einzelne Gangrad in einer Spezialvorrichtung sehr fein ausgewuchtet wird. Mit feinen, senkrechten Bohrungen in den Zahngrund wird die Unwucht des Rades beseitigt. Die Gesamtmasse des Gangrades wurde soweit reduziert, daß dieses Rad mit dem zur Verfügung stehenden Drehmoment 3mal schneller anlaufen würde, als es der Hebungsvorgang durch die Ankerbewegung zuläßt. Mit anderen Worten: es gibt hier keine trägheitsmomentbedingten Drehmomentverluste!
Der Gangregler ist ein ebenfalls komplett von Matthias Naeschke entwickeltes Kompensationspendel. Es hat sich inzwischen in vielen verschiedenen Uhren bewährt. Bei diesem 5-Stab-Kompensationspendel arbeiten 3 verschiedene Materialien zusammen. Durch rechnerisch geschickte Verteilung der einzelnen Massen konnte der Aufbau so idealisiert werden, daß Schwerpunkt, Trägheitsmittelpunkt und Schwingungsmittelpunkt sehr eng beieinander liegen. Es wurde der Idealfall erreicht, daß dieses 1,5 kg schwere Pendel fast genau im Schwingungsmittelpunkt, d.h. der genauen mathematischen Pendellänge, reguliert und kompensiert wird. Somit sitzt die Reguliermutter oberhalb der Pendellinse. Die Mutter besitzt ein Feinstgewinde und 20 Kerben am Umfang. 1 Kerbe entspricht 0,5 sec./Tag.
Das Pendel hat seinen Aufhängungspunkt unterhalb der Zeigerwerksmitte. Es hängt damit ungewöhnlich tief und wird unempfndlicher gegen Stöße. Eine Gabel, die in den Ankerweiser eingreift, ragt nach oben über den Pendelaufhängungspunkt hinaus. Es entstehen somit gegenläufge Bewegungen. Eine Pendelschraube mit Feinstgewinde ermöglicht ganz simpel die Abfalleinstellung direkt an der Gabel. Durch diesen bisher nicht bekannten Aufbau gleichen sich Stöße gegen das Uhrengehäuse praktisch von selbst aus. Die Hemmung kommt nicht außer Tritt! Das Wäre bei normal aufgebauten Langzeitläufern stets ein Problem.
Angetrieben wird das Uhrwerk von 2 an Kohlefaserseilen hängenden 10 kg schweren Bleigewichten im 15-eckigen Messingmantel. Eine Umlenkrolle wurde auf den Gewichten fest montiert.















